Musikkultur in Coronazeiten

Einige Gedanken zur Musikkultur in Coronazeiten


Corona-Pandemie und Festivalkultur

Die Corona-Pandemie hat auch mein Freizeitverhalten ordentlich durcheinander gewirbelt. Ich bin zwar bei weitem nicht mehr so “nachtaktiv” wie zum Zeitpunkt des Entstehens meiner diversen Blogs mit der Domain “music-on-net”, dennoch bin ich dann, wenn es mich mal wieder packt, überwiegend mit Leib und Seele dabei. Ich hoffe, dass dieses innere Feuer auch noch eine lange Zeit brennt und nicht nur etwas glimmt.

Corona bestimmt auch meinen Alltag in einer vorher nicht erahnbaren Massivität. Und ich befinde mich sicherlich in einer Situation, die man als privilegiert bezeichen darf. Öffentlicher Dienst und bisher trotz Corona jeden Tag im Dienst, wie man so schön im Beamtendeutsch sagt.

Natürlich blicke ich auch tagsüber nach links und rechts, abends in den Nachrichten kann man dem Thema Corona auch kaum entkommen, hofft man doch vor allem auf einigermaßen positive Informationen.

“Das Virus sei beherrschbar(er) geworden” liess Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst verlauten. Ja, ein Funken Hoffnung ist in Angesicht der deutschen Corona-Statistiken tatsächlich erkennbar geworden.

Großveranstaltungen sind allerdings bis zum 31. August 2020 bundesweit abgesagt. Bloß, was ist eine Großveranstaltung?

Einige Veranstalter haben, obwohl die nun eingetretene Situation wirklich seit einigen Wochen absehbar war, endlich auch reagiert.

Namhafte Großveranstaltungen vom Format Rock am Ring, Rock im Park, auch Wacken wurden nun binnen kürzester Zeit abgesagt. Ich frage mich bloß, wer seit Beginn unserer bundesweiten Ausgansgbeschränkungen noch ernsthaft glauben konnte, dass der (Festival-) Sommer 2020 einigermaßen normal verlaufen würde? Die späte Reaktion der Veranstalter mag auch versicherungs- und vertragstechnische Gründe (höhere Gewalt) gehabt haben.

Für den Raum Würzburg bedeutete diese politische Entscheidung, dass das 32. International Africa Festival von 2020 auf 2021 verlegt wurde (klingt natürlich positiver als eine Absage), das Umsonst und Draussen Festival 2020 in Würzburg ausfällt.

Zum Hafensommer Würzburg möchte man sich erst äußern, wenn der Begriff “Großveranstaltung” geklärt ist.

Wenn “social distancing” auch weiterhin das Gebot der Stunde sein wird, um uns und andere zu schützen – immer wieder weisen uns Virologen und Politiker darauf hin – sind Veranstaltungen, auch Musikveranstaltungen, aus meiner Sicht in nächster Zeit nicht durchführbar. Und in “nächster Zeit” ist ein sehr, sehr unbestimmer Zeitraum.

Lassen sich Livekonzerte mit einem empfohlenen social distancing von 1,5 bis 2,0 Metern zur nächsten Person überhaupt sinnvoll und vor allem auch wirtschaftlich durchführen? Wenn man die noch schärferen momentanen Standards bei in der nächsten Woche wieder eröffnenden Verkaufsflächen (1 Person pro 20 qm) analog anwenden wollte, bliebe die Fläche vor der Bühne quasi frei.

Würde ich als Gast eine solche Musikveranstaltung wirklich besuchen wollen? Wohl eher nicht! Dichte und Nähe sind Merkmale von Musikveranstaltungen, wie ich sie mag, auch wenn ich mich zwischendurch immer wieder gerne für einige Momente zurückziehe.

Der wirtschaftliche Schaden bei den Veranstaltern aufgrund der Corona-Pandemie

Aus der Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates vom 04.03.2020:

“….. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte: „Das Corona-Virus trifft den Kulturbereich hart. Kunst und Kultur leben davon, dass viele Menschen auf relativ engem Raum zusammen sind, um Kultur zu genießen. ….”

Aus der Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates vom 08.04.2020:

“…. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte: „Die Absage aller öffentlichen Kulturveranstaltungen stellt einen noch nie dagewesenen Einbruch in der kulturellen Infrastruktur dar. Künstlerinnen und Künstler und die Kulturveranstalter sind künstlerisch und ökonomisch ins Mark getroffen. Der heute von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf regelt, dass Kulturveranstalter ihren Kunden einen Gutschein für bereits gekaufte Tickets geben dürfen. Die vorgesehene Regelung ist eine notwendige Reaktion in der Krise und sichert die Liquidität von vielen Kulturveranstaltern. Wer aus persönlichen Gründen eine Erstattung des Eintrittspreises benötigt, kann dies verlangen. Alle anderen können sich auf kommende Veranstaltungen freuen und haben bereits ein Ticket in der Tasche.“ ….”

Der ansonsten von mir durchaus geschätzte STERN titelt am 16. April sehr plakativ online:

Kein Geld, keine Hoffnung: Die Kultur wird in der Corona-Krise schamlos im Stich gelassen

Leider hat Redakteur Tim Sohr vor allem ein Gespür für Stimmungs- und Meinungsmache im Sinne der Veranstalter, die natürlich in dieser prekären Situation auch unterstützt werden müssen.

Die Künstler selbst, die das “Geschäft” mit der Kultur erst ermöglichen, kommen auch bei ihm lediglich in einer Randnotiz vor.

Tim Sohr spricht vom Kulturbetrieb und den Kulturveranstaltungen als “Gesellschaftskitt”. Alles irgendwie richtig, aber doch sehr wenig differenziert.

Kommunale und staatliche Hilfe vor allem für die kleineren Örtlichen Veranstalter

Es macht einen großen Unterschied, ob Veranstalter, die vor allem die “Großen der Branche” vermitteln, häufig zu Ticketpreisen, die bei nüchterner Betrachtung jenseits von Gut und Böse liegen, eine finanzielle Durststrecke überwinden müssen, oder ob es den kleinen Örtlichen Veranstalter trifft, der dieses Geschäft mit jeder Menge Enthusiasmus führt und mit einem Mitarbeiterstamm betreibt, der mit der Miete des Veranstaltungsraumes monatliche Belastungen nach sich zieht, die nicht unbestimmt lange Zeit einfach so gestemmt werden können. Man kann sich zudem relativ sicher sein, dass sich das bis dahin aufgelaufene Defizit in der Zeit nach Corona nicht auch wieder ebenso schnell minimieren lässt.

An die Adresse der kleinen Örtlichen Veranstalter muss daher möglichst schnell kommunale und staatliche Hilfe gelangen, sonst wird die Zeit nach Corona eine kulturell wirklich entbehrungsreiche Zeit sein.

Das wäre fatal, hat mich (und viele andere auch) vor allem die Musikkultur bisher gut durch die Corona-Krise getragen und mir in meiner Freizeit weiterhin schöne und freiwillig von mir übernommene Aufgaben gestellt.

Kauft Tonträger von den Künstlern, die ihr schätzt

Gerne habe ich all die Alben in den letzten Wochen besprochen, damit der eine oder andere Leser sich die kleinen und großen Meisterwerke möglichst bald zu Gemüte führt.

Und das bitte nicht nur unter Zuhilfenahme der Streamingdienste, sondern möglichst durch Erwerb des Tonträgers. Ja, ich spreche von einer sehr konservativen Musikkonsumkultur, die mehr und mehr zum Erliegen gekommen ist. Der Verkauf von Tonträgern ist zwar meist eine nur kleine Erwerbsquelle für die von uns geschätzten Künstler, aber eine, die gerade jetzt die Menschen zumindest etwas unterstützen kann, die das Musikbusiness im kleinen und großen Stil überhaupt erst möglich machen.

Die eher unbekannten Musikkünstler sind die Kulturschaffenden, die sich in dieser für sie wirklich existenziellen Krise am leisesten verhalten, wahrscheinlich weiterarbeiten, um uns am Ende der Krise mit Ihren neuen Songs zu beglücken.

Danke an Euch alle!

Wohnzimmerkonzerte sind dauerhaft kein Ersatz für Konzertbühnen

Ich freue mich darauf, den einen oder anderen irgendwann einmal (wieder) auf der Bühne, am besten aus dem Fotograben heraus, erleben zu dürfen. Denn kein Wohnzimmerkonzert, keine noch so große Charity-Veranstaltung, wie das für heute Abend geplante „One World – Together at Home“, auch kein Konzertvideo kann ein körperlich erlebtes Konzert ersetzen.

© Gerald Langer


P. S.:

Im Netz entdeckt – ein lesenswerter Beitrag von Berthold Seliger bei tonspion.de.

Berthold Seliger ist natürlich ein richtiger Insider!

gerald Verfasst von:

„Chef-Redakteur“ dieses „Ein-Mann-Betriebes“ | inhaltlich verantwortlich für music-on-net.de (Magazin), music-on-net.photography (Konzertfotografie) und music-on-net.com (persönlicher Musikblog)