
Peter Gabriel
Albumtitel: Flotsam And Jetsam
Veröffentlichungsjahr: 2019
Vertrieb/Label: Peter Gabriel Ltd.
Homepage: https://petergabriel.com
Inhaltsverzeichnis
Rezension
Treibgut und Wrackteile
Wenn ein Künstler wie Peter Gabriel, dessen Werk längst Teil der Pop- und Rockgeschichte geworden ist, ein Sammelwerk von „B-Seiten, Raritäten und obskuren Stücken“ veröffentlicht, dann ist das immer zugleich eine musikarchäologische Ausgrabung als auch ein intimer Blick in die Werkstatt eines Ausnahmemusikers.
Im Jahr 2019 erschien das digitale Box-Set „Flotsam and Jetsam“, stolze 62 Songs stark, fast sechs Stunden Musik. Es ist eine Retrospektive abseits der offiziellen Studioalben geworden.
Der Titel, aus der Seefahrt bekannt („Treibgut und Wrackteile“), weist subtil darauf hin, dass sich hier nicht die sorgfältig kuratierten Hauptwerke von Peter Gabriel versammelt sind, sondern jene Fragmente, die auf der Strecke blieben oder in anderen Kontexten Verwendung fanden. Und doch ergibt sich im Zusammenschluss eine faszinierende Parallel-Werkschau zur offiziellen Diskographie.
Der Schatz im Archiv
Dass Gabriel sein Archiv so freimütig öffnet, ist an sich bemerkenswert. Während viele Künstler B-Seiten und Single-Material allenfalls beiläufig nachreichen, ist „Flotsam and Jetsam“ von einer konsequenten Systematik geprägt.
Die Tracks sind chronologisch geordnet, beginnend mit den späten 1970ern und den frühen Solo-Singles bis hin zu Remixes und Soundtrack-Beiträgen der 2000er Jahre.
Die Arbeitsweise Peter Gabriel’s zeigt sich hier noch deutlicher als bei seinen „klassischen“ Albumveröffentlichungen. Sie ist schließlich deutlich weniger von Kontinuität als von Brüchen geprägt. Diese Kompilation erlaubt damit einen schärferen Blick auf Gabriel’s kreative Rastlosigkeit.
Wer sich mit Peter Gabriel’s Karriere beschäftigt, weiß, dass er nie ein reiner „Album-Künstler“ geblieben ist. Zwar bilden Werke wie „So“ kulturelle Monumente der 1980er Jahre; doch parallel pflegte Gabriel Kollaborationen mit Weltmusikern, schuf Filmmusik oder politische Songs. Genau diese Zonen der Überschneidung werden auf „Flotsam and Jetsam“ sichtbar.
Die B-Seite als Experimentierfeld
Besonders spannend sind die frühen B-Seiten. Titel wie „Across the River“ oder „Shoshaloza“ zeigen, wie Peter Gabriel schon zu Beginn der 1980er Jahre Weltmusik-Elemente einflochtee, bevor „World Music“ zu einem Schlagwort wurde. Hier wirkt er nicht als kultureller Tourist, sondern als neugieriger Vermittler.
Rituale, Rhythmen und Klangfarben aus Afrika oder Asien treten nicht als Dekor auf, sondern sind integraler Bestandteil von Peter Gabriel’s Songs.
Wenn man diese Kompositionen mit den gleichzeitigen Studioalben vergleicht, bemerkt man:
Das Experimentierfeld lag oft gerade auf den B-Seiten. Auf den regulären Alben wurde verdichtet, strukturiert, dramaturgisch gebündelt; auf den „Überschuss“-Tracks hingegen bricht Peter Gabriel die Form auf, lässt Collagen entstehen, probiert im Studio, was später vielleicht in eine andere Richtung fortgeführt wird. Das macht „Flotsam and Jetsam“ zu einer Art Werkstattbericht.
Klangspuren der 1980er und 1990er
Die 1980er sind im Box-Set ein Schwerpunkt. Schließlich war es Peter Gabriel’s produktivste Zeit, sowohl künstlerisch als auch kommerziell.
Interessant sind etwa die Remixe aus der „So“-Ära: Hier begegnet man dem Peter Gabriel, der sich der Ästhetik der Zeit anpasst, Clubversionen ausprobieren lässt, ohne seine Handschrift zu verlieren. Diese Stücke sind Kinder ihrer Epoche, mit langen Instrumentalpassagen, elektronischen Loops und treibenden Bässen.
In den 1990ern wiederum überwiegen Kollaborationen und Soundtrack-Beiträge. Songs für Filme wie Philadelphia tauchen hier wieder auf und zeigen Peter Gabriel als Grenzgänger zwischen Rock-Ikone und Klangmaler im Dienste der Filmwelt.
Politische Dimensionen im Randwerk
Das Box-Set verdeutlicht auch Peter Gabriel’s konstante politische Haltung. Schon früh hatte er mit Initiativen wie WOMAD und seinem Label Real World Strukturen geschaffen, um außereuropäischer Musik Sichtbarkeit zu geben. Auf „Flotsam and Jetsam“ spiegeln sich diese Anliegen, wenn afrikanische oder südamerikanische Stimmen Raum bekommen, wenn Songs für Amnesty International oder Benefiz-Kontexte auftauchen.
Es sind keine Hauptwerke, aber die Haltung ist unverkennbar: Musik als Ort des Austausches, als Vermittlung zwischen Kulturen, als Sprachrohr für Menschenrechte.
Brüche und Kontinuitäten
Was aber macht „Flotsam and Jetsam“ besonders wertvoll?
Sicher nicht die Homogenität, denn die gibt es nicht. Hier prallen Fragmente, Ausformulierungen und Remixe aufeinander. Genau in dieser Heterogenität wird Peter Gabriel als Künstler sichtbar, der sich nie mit dem Status quo begnügt hat.
Er experimentierte, ließ Spuren liegen, verwarf, griff wieder auf – und gerade diese Bewegungen sind es, die seine Hauptalben erklären helfen. Man versteht „So“ oder „Us“ besser, wenn man die Umwege kennt, die sich in diesen Raritäten zeigen.
Interessant ist auch die von Peter Gabriel hier gewählte mediale Strategie:
Es handelt sich um eine rein digitale Veröffentlichung, ohne physische Edition. Damit folgt Peter Gabriel der Logik des Archivs im Zeitalter der Cloud: Das Material ist da, frei verfügbar für interessierte Hörer, aber nicht monumentalisiert durch ein typisches opulentes Box-Set mit Booklet.
Das unterstreicht die Idee von „Flotsam“: Es handelt sich um Treibgut, das man aufsammeln kann oder eben weiter treiben lässt.
Fazit
Für den Peter-Gabriel-Fan ist „Flotsam and Jetsam“ jedoch ein unverzichtbarer Fundus, für den Neueinsteiger vielleicht weniger, da die Vielfalt eher verwirren könnte. In jedem Fall markiert die Sammlung eine wertvolle Ergänzung zur offiziellen Diskographie.
Es ist, als würde man im Archiv eines Architekten nicht nur die gebauten Häuser ansehen, sondern auch die Skizzen, die unvollendeten Modelle, die verworfenen Prototypen. Solche Dokumente erzählen nicht nur vom fertigen Werk, sondern vom Prozess des Werdens. Ganz in diesem Sinne öffnet „Flotsam and Jetsam“ ein Fenster in Peter Gabriel’s Werkstatt – hin zu einem Künstler, der nie nur das Offensichtliche wollte, sondern immer das Unwahrscheinliche suchte.
Ich habe mir das Boxset als Hi-Res-Download gegönnt, auch wenn man vermuten darf, dass es irgendwann auch als physisches Format erscheinen wird.
Autor: Gerald Langer
Tracklist
1976-1985
Strawberry Fields Forever | All This And World War II album, 1976. The first release featuring Peter after he left Genesis.
Slowburn (Extended Version) | previously unreleased officially. Released in error on a US pressing of PG1 in 1981.
Perspective (Single Version) | D.I.Y. single, May 1978. Extended outro version.
D.I.Y. (Re-recorded Single Version) | D.I.Y. single, September 1978
Teddy Bear | D.I.Y. single, September 1978
Mother of Violence (Single Mix) | D.I.Y. single, September 1978
Solsbury Hill (Live at the Bottom Line) | Fanclub flexi disc, December 1978. Recorded on 4 October 1978.
I Don’t Remember (Alternate Version) | Games Without Frontiers single, February 1980. Early version produced by Peter Gabriel and Steve Taylor.
Biko (Remixed Version) | I Don’t Remember single, 1980. This version uses the ‘ein deutsches album’ mix of the track which differs from the original.
Shosholoza | Biko single, August 1980
Jetzt Kommt Die Flut | Biko single, August 1980. German version of ‘Here Comes the Flood’. Also, B-side to Spiel Ohne Grenzen single release.
Soft Dog | Shock the Monkey single, September 1982
Shock The Monkey (Instrumental) | Shock the Monkey single, September 1982. This version uses the ‘deutsches album’ mix of the track which differs from the original.
Across The River | I Have the Touch single, December 1982
Kiss Of Life (Live) | Solsbury Hill (live), Dutch single release 1983
I Don’t Remember (Live Single Version) | I Don’t Remember single, 1983
1986-1993
I Have The Touch (85 Remix) | Sledgehammer single, April 1986
Sledgehammer (Dance Mix) | Sledgehammer single, April 1986. Remix by John ‘Tokes’ Potoker
Sledgehammer (Extended) | Sledgehammer single, April 1986
Don’t Break This Rhythm (Full Version) | Previously Unreleased. Edited version was the B-side to Sledgehammer
In Your Eyes (Single Mix) | In Your Eyes US single version, 1986
In Your Eyes (Special Remix) | Don’t Give Up single, October 1986. Jason Corsaro remix
Big Time (Extended Version) | Big Time single, March 1987. Tom Lord-Alge remix
Curtains | Big Time single, March 1987
GA GA (I Go Swimming Instrumental) | Red Rain single, June 1987. Studio version of a track well-known to fans from the ‘Plays Live’ album.
Walk Through The Fire (Single Mix) | Red Rain single, June 1987. Nile Rogers version. Original film version is on ‘Rated PG’.
Biko (Live) | Biko single, 1987. Re-release in support of Cry Freedom. Recorded at Blossom Music Centre, Cleveland 27 July 1987
Digging In The Dirt (Raw Stylus Mix) | Digging In the Dirt single, September 1992
Digging In The Dirt (Instrumental) | Digging In the Dirt single, September 1992. Frameman remix
Quiet Steam | Digging In the Dirt single, September 1992
Bashi-Bazouk | | Digging In the Dirt single, September 1992
Games Without Frontiers (Massive/DB Mix) | Steam single, January 1993. Massive Attack / Dave Bottrill mix
Steam (Oh, Oh, Let Off Steam Mix) | Steam single, January 1993. Remixed by The Bomb Squad
Steam (Oh, Oh, Let Off Steam Mix Dub) | Steam single, January 1993. Remixed by The Bomb Squad
Mercy Street (William Orbit Mix) | Blood of Eden single, March 1993
Blood Of Eden (Special Mix for Wim Wenders Until the End of the World) | Blood of Eden single, March 1993
Digging In The Dirt (Rich E Mix) | Kiss That Frog single, September 1993
Kiss That Frog (Mindblender Mix) | Kiss That Frog single, September 1993
Shaking The Tree (Bottrill Remix) | Kiss That Frog single, September 1993
1994 – 2016
Summertime | The Glory of Gershwin album, 1994. Larry Adler album
Suzanne | Songs of Leonard Cohen album, 1995
I Have The Touch (Robbie Robertson Mix) | Phenomenon soundtrack, 1996. Edited version is on ‘Hit’ but this version contains a vocal verse not present on any other version.
In The Sun | Diana Tribute Album, December 1997. A cover of the Joseph Arthur song.
Shaking The Tree 97 (Jungle Version) | Jungle 2 soundtrack, 1997. Feat. Shaggy
I Grieve (City of Angels Version) | City of Angels soundtrack, March 1998
The Tower That Ate People (Red Planet Remix) | Red Planet soundtrack, 2000
Animal Nation | Wild Thornberrys Movie soundtrack, December 2002
Signal to Noise (Gangs of New York Version) | Gangs of New York movie soundtrack, 2002
More Than This (The Polyphonic Spree Mix) | More Than This single, 2002
More Than This (Elbow Mix) | More Than This single, 2002
My Head Sounds Like That (Röyksopp Remix) | More Than This & Barry Williams Show singles, 2002
Sky Blue (Martyn Bennett Remix) | More Than This single, 2002
Growing Up (Trent Reznor Remix) | Growing Up single, 2003
Growing Up (Stabilizer Remix) | Growing Up single, 2003
Growing Up (Tricky Instrumental Mix) | Growing Up single, 2003
Darkness (Engelspost Remix) | Burn You Up, Burn You Down single, 2003
Curtains (Broad Mix) | Uscita album, given away to attendees of the Music Industry Trust Awards dinner that honoured Peter Gabriel in 2004. Previously unreleased
Father, Son (Daniel Lanois & Richard Chappell Mix) | Uscita album, given away to attendees of the Music Industry Trust Awards dinner that honoured Peter in 2004. Previously unreleased
Courage | Previously unreleased full version. Overdubbed for digital single release 2013. Original unfinished version first released on the So 25th Anniversary Boxset.
Courage (The Hexidecimal Mix) | Courage digital single, 2013. Remixed by Steve Osborne
I’m Amazing | Digital single 2016, in part inspired by Muhammed Ali’s life and released at the time of Ali’s death.
The Veil | Digital single, 2016. Written for the movie ‘Snowden’